Das Drachenauge

Das Drachenauge

Aidan schnaufte. Bis jetzt war er gerannt, doch wenn das Vieh hinter ihm nicht langsam müde werden würde, dann, so wusste er,  sähe es schlecht für ihn aus. Ihm selbst kroch die Müdigkeit langsam in die Glieder. Er sprang über einen umgestürzten Baumstamm und hörte hinter sich, wie etwas Riesiges durch das Unterholz brach. Nicht mehr weit, dachte Aidan um sich selber Mut zu machen. Irgendwo hier musste die kleine Höhle sein, von der Daphne ihm erzählt hatte. Aber wo? Er lief weiter, sprang über den nächsten Stein, das Laub auf dem Boden knirschte unter seinen Füßen, doch Aidan machte sich keine Gedanken darüber, das ihn etwas hören konnte. Das Ding hinter ihm wurde sicherlich von jedem Lebewesen im Umkreis von fünfzig Meilen gehört. Da fiel er nicht ins Gewicht.
Dann fiel sein Blick auf eine kleine Öffnung, direkt auf der Lichtung vor ihm. Die Höhle, dachte er erleichtert und beschleunigte trotz der Müdigkeit seine Schritte. Er brach aus dem Unterholz, sah sich kurz um und rannte nun direkt auf die Öffnung zu. Hinter ihm stieß das Tier einen markerschütternden Schrei aus. Und dann brach es selber mit einem ohrenbetäubenden Krachen aus dem Wald hervor. Drei Bäume flogen samt Wurzeln durch die Luft und blieben mitten auf der Lichtung liegen. Aidan hatte die Öffnung beinahe erreicht. Offenbar erschwerten die Bäume dem Monster die Sicht. Nur noch fünf Meter. Eine gewaltige Flammensäule ließ den ersten Baum zu Asche zerfallen. Nur noch drei. Der nächste Feuerball fegte über die Lichtung hinweg und verbrannte den nächsten Baum. Nun musste das Ungeheuer ihn sehen können, dachte Aaron. Das Ding stieß einen Schrei aus. Offenbar hatte Aidan Recht. Er rannte weiter, nur noch ein knapper Meter. Er hörte, wie das Tier Luft ein sog. Es machte sich bereit für den entscheidenden Schlag. Aidan sah nur noch eine Möglichkeit. Er sprang. Und landete genau in der Öffnung.
Er stürzte in die Tiefe und schlug unsanft auf dem harten Boden der Höhle auf. Über ihn fegten die purpurnen Flammen hinweg. Er kroch weiter in die Höhle, um eine Ecke herum und ließ sich an eine Wand fallen. Er wartete.
Das rote Licht des Flammenstrahls verschwand. Es war nun vollkommen dunkel in der Höhle. Die Erde bebte unter den schweren Schritten des Drachen. Offenbar schaute es nach seiner vermeintlichen Beute. Aidan hörte es schnüffeln, es versuchte ihn zu wittern. Wie der Drache das in diesem Schwefelgestank machen wollte, war Aidan schleierhaft, doch anscheinend versuchte er es. Aidan schaute vorsichtig um die Ecke. Das Untier hatte seine blau geschuppte Schnauze in die Öffnung gesteckt. Offenbar konnte er Aidan doch wittern.
Hier konnte er nicht bleiben, früher oder später würde der Drache, der mittlerweile das Gestein mit seinen gewaltigen Pranken bearbeitete, die Öffnung  groß genug geschlagen haben, um Aidan zu schnappen. Vor ihm lauerte der Drache, hinter ihm die Dunkelheit. Aidan nahm seinen Rucksack ab und schaute nach dem Inhalt. OK, seinen Kompass konnte er vergessen, aber vielleicht hatte die Taschenlampe den Sturz überstanden. Er nahm die Taschenlampe heraus und drückte auf den Knopf. Ja, sie funktionierte.
Die Taschenlampe nach vorne gerichtet trat Aidan in die Ungewissheit, Stalaktiten und Stalagmiten säumten seinen Weg. In der Ferne hörte er immer noch den Drachen, doch hier, so glaubte er, war er in Sicherheit.
Er hörte etwas plätschern. Ein Bach? Vielleicht konnte er so hier rauskommen. Er hob die Taschenlampe, um die Höhle, in der er sich befand, besser auszuleuchten. Und Aidan lag richtig, weiter hinten in der Höhle schien ein Bach zu fließen. Wieder beschleunigte er seine Schritte. Die Aussicht auf frisches, klares Wasser verlieh ihm Flügel, kam ihm, dessen ganzer Körper mittlerweile vor Müdigkeit schmerzte, wie das Paradies vor.
Der Bach floss langsam, dümpelte eher, als das er wirklich floss. Aidan ließ sich auf einem besonders flachen Stein am Ufer nieder. Wenn er jetzt noch Holz oder ähnliches finden würde, wäre es hier perfekt. Aidan leuchtete die Umgebung ein wenig aus und entdeckte einen kleinen Busch, keine zwei Meter neben ihm. Er konnte sich also ein Feuer machen. Mühsam stand er auf. Seine Beine protestierten, aber zum Glück taten sie noch ihren Dienst. Er ging zu dem Busch und brach einige Zweige und ein paar Blätter ab.
Kurze Zeit später prasselte ein kleines Feuer neben dem Bach. Nicht groß, aber immerhin strahlte es ein wenig Wärme aus. Jetzt war es an der Zeit, seine Beute genauer zu betrachten, das zu begutachten, für das ihn gerade ein Drache beinahe eine Meile weit gehetzt hatte. Er kramte kurz in seinem Rücksack, er hatte den Lohn seiner Mühen hastig wegstecken müssen, als der Drache aufgetaucht war. Dann fand er ihn, den kleinen ovalen Stein, der in dem Licht des Feuers rötlich schimmerte. Das war es, das er für Daphne besorgen sollte. Doch wenn er ihn so anschaute, dann sträubte sich etwas in ihm dagegen, ihr diesen Stein zu bringen. Er könnte es behalten, das Drachenauge.

Diese Geschichte ist im August 2009 aus einer Fingerübung in der Schreibwerkstatt entstanden, die das Thema „Drachenauge“ vorgab. 
(c) Sebastian Peter Wiedemeier 2009

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