Die einzige politische Wahrheit

Ich weiß ja, dass ich Recht habe. Ich habe immer Recht. Unser Land geht vor die Hunde, dass kann ja jeder hier sehen. Erst klauen sie uns die Arbeitsplätze und ich sage euch, als nächstes klauen sie uns die Frauen. Irgendwann wird es dann keinen mehr von uns geben. Die sind ja jetzt schon in der Überzahl, die, die nicht arisch sind. Hier eine Moschee, da eine Synagoge, aber was ist mit unseren guten, alten Werten? Disziplin, Familie? Unsere wahren Werte? Verloren, verloren durch die ganzen Ausländer, die unser edles Blut verpesten. Das die überhaupt dieselbe Luft wie wir atmen dürfen! Und dann wollen die auch noch Stütze von uns! Unser Geld, damit die ihre zwanzig Kinder durch die Welt bringen können, die dann sowieso nur die armen deutschen Frauen vergewaltigen und arme, unschuldige Damen auf der Straße überfallen. Aber wir sind ja wieder die Bösen, wenn wir uns wehren. Nur, weil wir ein paar Drecksasylanten anzünden, bevor sie es mit uns tun. Nur, weil wir ein paar Türken verdreschen, bevor sie Hand an unsere Frauen legen können. Deshalb verteufeln sie uns. Wir müssen uns schuldig zeigen, sagen sie, weil Deutschland ja damals den Holocaust hatte. Wenn es denn nur so wäre, aber das ist nur wieder so eine Geschichte aus der zionistischen Gerüchteküche, damit sie in Ruhe weiter an ihrer Verschwörung stricken können. Ich sage euch, es gab nie einen solchen Holocaust! Die einzigen Völkermörder waren die Amerikaner und Briten, die ganz Dresden einfach dem Erdboden gleichgemacht haben! Aber glaubt mir nicht, ihr werdet es schon sehen!

Ich weiß ja, dass ich Recht habe. Ich habe immer Recht. Unser Land geht vor die Hunde, dass kann ja jeder hier sehen. Erst nehmen sie uns unsere Arbeit und ersetzen sie durch Maschinen. Dann streichen sie uns auch noch die Stütze immer mehr zusammen, bis wir nur noch wie die Hunde betteln um ein Stück Brot. Sie wollen, dass wir von ihnen abhängig sind, die wollen uns in ihrer Knechtschaft! Die Bourgeoisie will uns doch nur am Boden sehen. Hauptsache, sie haben ihr Geld, das sie horten können. Was wir einfachen Arbeiter fühlen, ist ihnen doch völlig egal! Das Kapital unterdrückt uns und wir tun nichts dagegen. Aber wir sind ja wieder die Bösen, wenn wir uns wehren. Wenn wir sagen, dass sich die Arbeiter der Welt vereinen sollen. Das wir die Konterrevolutionäre bis aufs Blut bekämpfen müssen. Alle Macht dem Volke und alles Kapital dem Volke! Nichts und niemand darf sich dem Willen der Völker widersetzen und schon gar nicht die Bourgeoisie! Sie sollen brennen, die Paläste, diese Brutstätten des Faschismus. Treu nach den Werten der Revolution müssen wir leben. Aber nein, die Welt gibt sich lieber der Völlerei hin, läst sich von Geld und Religion das Hirn benebeln. Richtig, Religion ist das Opium für das Volk. Sie macht nur schwach. Und unsere Schwäche, die Schwäche des Volkes, die Schwäche der Arbeiter, führt nur zum Sieg des Kapitals! Aber glaubt mir nicht, ihr werdet es schon sehen!

Ich weiß ja, dass ich Recht habe. Ich habe immer Recht. Unser Land geht vor die Hunde, dass kann ja jeder hier sehen. Aber wofür denn auch kämpfen? Wer braucht schon Ordnung, Arbeit, einen Staat? Ich nicht! Der freie Geist ist viel wichtiger. Wer muss schon arbeiten? Es gibt so vieles, was man stattdessen machen könnte. Und sowieso ist die Gesellschaft doch nur festgefahren. Wer braucht sie denn heute noch? Werte wie Ehe, wie Familie? Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment! Um Kinder kümmert sich das Kollektiv, nicht das Individuum. Einfach in den Tag hinein zu leben, das ist es doch eigentlich. Aber wir sind ja wieder die Bösen, wenn wir uns wehren. Weil wir Steine gegen diese Ordnungsheischenden Bastarde werfen. Was verteidigen sie auch dieses marode Gebilde? Ein Polizist ist kein Mensch, sondern ein Schwein in Uniform. Das sagte schon Ulrike damals. Und nur weil wir so handeln, sind wir die Bösen? Weil wir Drogen nehmen, Alkohol trinken und für unsere Überzeugung zu sterben bereit sind? Nichts ist so wichtig wie das Kollektiv, kein Individuum darf sich davon ausnehmen. Die Sache ist es wert. Macht kaputt, was euch kaputt macht, ist die Devise, sonst geht alles den Bach runter. Aber glaubt mir nicht, ihr werdet es schon sehen!

Die Idee zu dieser Geschichte entstand, als ich erst einen MLPD und danach einen NPD- Mitarbeiter in unserer Stadt habe reden hören- die Argumentationen der beiden glichen sich in Wortwahl und Rhethorik so sehr, das ich mir gedacht habe: Hey, stellst du diese doch mal plakativ gegenüber. Natürlich vertrete ich keine der drei dargestellten Seiten.
(c) Sebastian Peter Wiedemeier 2011
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