Du musst ein Engel sein

Das junge Mädchen weinte. Sie hatte nichts mehr, alles verloren. Nichts, außer den Fetzen, die sie am Leibe trug, der goldenen Kette mit dem Kreuz von ihrer Mutter und zwei lausigen Groschen. Und sie war allein. Ihr Vater war an dem Steinstaub aus den Schächten lungenkrank geworden und war daran gestorben, ihre Mutter war an Tuberkulose elendig krepiert. Wer würde jetzt noch für sie sorgen? Sie konnte nicht selber arbeiten. Wer wäre so gütig, eine Waise bei sich aufzunehmen?
Traurig setzte sich das kleine Mädchen an den Straßenrand. Nichts wert. Sie war nichts wert in den Augen der Menschen. Ihr Blick fiel auf den Kirchturm, der verrußt zwischen den Dämpfen der Fabriken hervorlugte. Vielleicht gab es doch jemanden, in dessen Augen sie etwas wert war. Vielleicht würde sie jemand bei sich aufnehmen! Jemand, der jeden bei sich aufnimmt, der jedem hilft. Zumindest hatte sie vor langer Zeit ihre Mutter über ihn reden hören. Der liebe Gott würde ihr helfen, denn er war gütig und gut.

So ging das Mädchen mit Hoffnung im Herzen und frohen Mutes hinaus in die Welt. Auf ihrem Weg begegnete ihr ein alter Mann, der von dem Eisenstaub in den Fabriken erblindet war.
„Ich habe solchen Hunger“, krächzte der Alte. Da nahm das Mädchen ihre beiden Groschen, kaufte einen Leib Brot und gab ihn dem Greis.
„Du musst wahrlich ein Engel sein!“, brachte der Alte kauend hervor, „Gott segne dich.“

Glücklich zog das Mädchen weiter. Da kam ein kleines Kind, dessen Hände von der Arbeit an den Webstühlen ganz wund und voller Schwielen waren. Das Mädchen nahm ihre zerfledderten Handschuhe heraus und gab sie dem Kind.
„Du musst ein Engel sein!“, sagte das Kind und umarmte das Mädchen. „Gott segne dich.“

Die Hoffnung im Herzen des Mädchens wuchs und wuchs, als sie einen Jungen am Straßenrand sah, der bitter weinte. Seine Mutter war sehr krank und der Junge konnte sich weder Arzt noch Medizin für sie leisten. Da überlegte das Mädchen, griff unter ihr Hemd, holte die goldene Kette mit dem Kreuz hervor und gab sie dem Jungen.
„Ehrlich?“, fragte der Junge mit großen Augen. Das Mädchen nickte. Da beugte sich der Junge vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Du musst ein Engel sein!“, sagte er mit Freudentränen in den Augen. „Gott segne dich.“

Wieder ging das Mädchen weiter und vertraute auf den lieben Gott. Plötzlich fand sie eine junge Frau, die zusammen gekauert am Straßenrand lag und zwanghaft versuchte, ihre Scham zu bedecken. Ihre Hände waren blutverschmiert, ihre Augen beinahe leer.
„Gute Frau, was ist mit dir passiert?“, fragte das Mädchen und hockte sich neben sie.
„Sie kamen in der Nacht zu mir“, schluchzte die Frau. „Drei Männer und sie… und sie…“ Schluchzend brach die Frau zusammen. Da hatte das gute Mädchen Mitleid und schenkte der Frau ihr Hemd.
„Bist du ein Engel?“, stieß die Frau hervor. „Gott segne dich.“

 So ging das Mädchen hinaus auf das letzte Feld der Stadt, zwar nackt, aber glücklich ob der guten Taten, die sie vollbracht hatte, kniete nieder und betete zum lieben Gott. Plötzlich fielen die Sterne vom Himmel. Von ganz weit oben fielen sie und schimmerten leicht im Licht des Mondes. Doch als das Mädchen einen von ihnen fing, zerfiel er zu Asche.
Da weinte das Mädchen bitterlich. Hatte der liebe Gott sie vergessen? Hatte sie Unrecht getan? Was würde nun aus ihr werden? So lag das Mädchen nun da, mitten auf dem Feld und verzweifelte, bis sie irgendwann in den Schlaf sank. Langsam, aber stetig deckte der Winter das gute Mädchen mit seinem Schnee zu und richtete ihr das letzte Bett, kurz bevor die Kälte sich ihr nächstes Opfer holte.

Von diesem Tage an beteuerten aber ein Junge, ein Kind, eine junge Frau und sogar ein blinder Greis, in dieser Nacht ein Licht gesehen zu haben, das gen Himmel aufstieg.

Diese Geschichte, die eine Adaption des Märchens „Sterntaler“ darstellt, entstand 2010 während des Deutschunterrichts in der Oberstufe und wurde von mir im Rahmen eines Projekts zu „Woyzeck“ geschrieben.
(c) Sebastian Peter Wiedemeier 2010 
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