Fahrkartenkontrolle

Eigentlich hätte dieser Mann jeder sein können, so durchschnittlich wie er war mit seinen dunkelblonden Haaren und seinen blauen Augen. Und doch erinnere ich mich so genau an ihn wie an kaum einen anderen Menschen. Er trug an diesem Tag eine einfache braune Jacke aus Wildleder, eine Hand immer in seiner Tasche versteckt, dazu eine blaue Jeans. Mit der anderen Hand trommelte er immer wieder leicht gegen das Fenster der Bahn.
Ich saß damals in der U-Bahn auf dem Weg zur Universität, an der ich zu der Zeit studierte. Der ganze Tag war so normal wie jeder andere auch. Ein langhaariger Typ mit zerrissener Jeans saß alleine in einer Bank und las ein Buch und gegenüber von mir schien sich ein Pärchen nicht um die anderen Fahrgäste zu kümmern, so eng umschlungen liebkosten sie sich. Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie verdammt kitschig ich ihr Gesäusel fand und auch das, was sie dort auf dem Sitz taten, gehörte eigentlich nicht in die Öffentlichkeit. Zumindest nicht in der Weise, in der sie es taten. Nicht nur mir schien ihr Verhalten zu missfallen, sie zogen aus allen Richtungen Blicke auf sich, ohne, dass es sie stören würde. Im Nachhinein bewundere ich sie sogar ein Stück weit dafür- Sie taten einfach, was sie wollten, ohne auf die anderen zu achten.

Irgendwann, es muss auf Höhe des Museums gewesen sein, stiegen zwei Kontrolleure in den vorderen Teil der Bahn ein.
„Die Fahrkarten bitte!“, hallte die Stimme des Kontrolleurs durch den Wagen. Überall begannen die Leute, in ihren Taschen zu kramen. Alle, bis auf zwei Jugendliche, die immer wieder nervös zur Tür schauten, als könnte sie nicht schnell genug wieder aufgehen, dem Pärchen und ebenjenem dunkelblonden Mann. Er schaute, wie schon die ganze Zeit, stur aus dem Fenster, die Finger immer weiter gegen die Scheibe trommelnd. Nachdem das Rascheln verklungen war, hörte man nur noch das monotone Surren der Bahn, die weiter auf den Gleisen fuhr und das gelegentliche Reden der Kontrolleure. Kaum einer sagte etwas oder schien etwas sagen zu wollen. Leise wummerte die Musik aus den Kopfhörern des Langhaarigen ein paar Plätze vor mir. Ansonsten war es gespenstig ruhig, sofern man eine U- Bahn denn so bezeichnen kann.
Die Kontrolleure kamen immer weiter durch den Gang auf mich und die anderen in meinem Bereich zu. Hier beugten sie sich kurz zu einem Fahrgast vor und blickten auf ein Ticket, bevor sie lächelnd und nickend weitergingen, dort hielten sie eine Chipkarte an ein Lesegerät, fragten kurz nach einem Ausweis und gingen ebenfalls nickend weiter.
„Nächster Halt: Rathaus. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts“, plärrte eine Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Die beiden Jugendlichen rutschen weiterhin nervös auf ihren Plätzen herum, ihr Blick wanderte immer wieder von der Tür zu den beiden Kontrolleuren und zurück. Irgendwie schien mich ihre Nervosität anzustecken, jetzt, da die Kontrolleure nur noch wenige Plätze von meinem entfernt waren. Zwar hatte ich mein Ticket, aber irgendwie schien es, als ob ihre Nervosität auf die Leute im Abteil überging, denn auch der blonde Mann hatte sich kurz bewegt, den Kopf in Richtung der Fahrkartenkontrolleure gedreht, bevor er wieder stur aus dem Fenster starrte.
Außerhalb der U-Bahn wurde es hell, sie fuhr in die Station Rathaus ein. Quietschend kam sie zum stehen. Sofort sprangen die beiden Jugendlichen auf und drängten sich aus der sich öffnenden Tür an den Wartenden, einer Frau mit Kinderwagen und Kleinkind an der Hand sowie zwei Rentnern, vorbei und rannten den Bahnsteig entlang. Einer der Kontrolleure versuchte zu folgen, doch musste er wegen des Kinderwagens abbremsen, der in den Gang geschoben wurde.
„Entschuldigung“, murmelte die Mutter und sah schüchtern den Mann an.
„Lass gut sein, Willy, das nächste Mal kriegen wir sie.“ Willys Kollege legte ihm die Hand auf die Schulter und lächelte die Mutter freundlich an.
Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung, während Willy die Ausweise der Mutter und der Rentner kontrollierte. Dieses Mal mischte sich das leise Giggeln eines Kindes zu den monotonen Geräuschen der Bahn.
„Ihre Fahrausweise bitte!“, sagte Willys Kollege und trat in unseren Bereich. Der Langhaarige drückte ihm eine zerschlissen aussehende Karte in die Hand, die der Uniformierte länger betrachtete. Dann gab er sie ihm nickend wieder. Der Rest im Bereich reagierte nicht. Der Mann starrte immer noch ruhig aus dem Fenster und das Pärchen schien auch den Kontrolleur nicht bemerkt zu haben. Wie schön muss es sein, dachte ich damals noch, wenn man nur noch Augen für diese eine Person hat und der Rest der Welt in diesem Moment unbedeutend für dich wird.
„Nächste Station: Hauptbahnhof, Ausstieg in Fahrtrichtung links“, plärrte die Frauenstimme erneut.
Der blonde Mann stand auf, während der Kontrolleur versuchte, das Pärchen auf sich aufmerksam zu machen. Willy war schon wieder in einem anderen Bereich der Bahn, um dort die Karten der Zugestiegenen zu kontrollieren. Der dunkelblonde Mann drängte sich vorbei, die Hände in den Jackentaschen versunken.
Endlich reagierte das Pärchen und der Mann zog, verschämt zu Boden schauend, zwei Tickets aus seiner Westentasche. Nickend nahm der Kontrolleur sie entgegen, schaute kurz darauf und wandte sich dann mir zu. Ich zeigte ihm meinen Studentenausweis, während die Bahn wieder langsamer wurde und in den hell erleuchteten Hauptbahnhof einfuhr.
„Steigen sie aus?“ Der Kontrolleur stand jetzt neben dem blonden Mann und bedeutete Willy mit einem Winken, hier aussteigen zu wollen. Der Mann blickte ihn nur kurz an und drehte sich wieder in Richtung Tür.
„Ihre Fahrkarte bitte.“ Der Kontrolleur sah den Mann an, von dem immer noch keine Reaktion ausging. Er stand einfach ruhig dar und starrte stur aus der Tür auf den vorbeirauschenden Bahnsteig.
Die Türen öffneten sich. Der blonde Mann trat einen Schritt hinaus, da hatte ihn der Kontrolleur bereits an der Schulter gepackt.
„Hey! Warten sie! Ihre Fahrkarte bitte!“
Ein Knall hallte durch den Bahnhof. Das Baby und das Kleinkind im Zug fingen an zu schreien, ich warf mich automatisch auf den Boden, während der Mann vor mir seine Freundin unter den Sitz zog. Der einzige, der noch stand, war der blonde Mann. Die Tasche seiner Wildlederjacke zierte ein Loch mit verkohlten Rändern. Er blickte kalt hinab auf den Kontrolleur, während sich der Boden rot färbte. Seelenruhig drehte sich der Mann um. Und ging.

Diese Geschichte entstand, als ich mit der U-Bahn zur Universität gefahren bin und mir überlegt hatte, was in dieser Situation alles ungewöhnliche und doch so wahrscheinliche hätte passieren können. 
(c) Sebastian Peter Wiedemeier 2012
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