Prolog

Computerlogbuch EPS Suspirare, 8. August 2114
Kommandant Zivilkapitän Magnus Thalheim
Wir befinden uns nun seit 12 Tagen auf dem Linienflug 2.053E von New York/Erde über das Raumdock des Mars nach Elisabethtown/Alpha Centauri. Noch immer ist meine Mannschaft unvollständig, so fehlen neben der Hälfte der Mannschaft auch der Erste und der Zweite Offizier an Bord, sodass ich notgedrungen meinen Bootsmann, Matti Hattumäki, Wache gehen lasse. In zwei Tagen sollten wir an der Grenz- und Zollstation Kuiper Vier sein, auf der ein Großteil unserer Mannschaft auf unsere Ankunft wartet. Nichtsdestotrotz hat mir mein Sicherheitschef, Inspektor Warren Franks, gemeldet, dass die neuen Waffensysteme, 2 Batterien á 5 Typ 50 Plasmakanonen, nun einsatzbereit seien.

Jeden Tag der gleiche Mist. Immer die Flugzeit seit dem Start, immer die Flugnummer, immer die Nachricht, dass seine Mannschaft noch nicht komplett ist. Das sein Bootsmann Wache gehen muss. Die Zeit bis zur Zollstation. Er hasste diesen Part seines Jobs, er war monoton, er war schlicht und ergreifend langweilig. Ein Computer könnte sie machen, doch das war verboten. Die Behörden wollten seine Stimme auf den Aufzeichnungen, sein Gesicht, seine eigenen Formulierungen. Die neuen Waffen sind wenigstens mal etwas Neues. Auch wenn er ihren Zweck bezweifelte, selbst wenn sein Schiff, wie ihm gesagt wurde, wohl demnächst auf Flügen in das Gebiet der Aden eingesetzt werden sollte. Eine durchaus gefährliche Strecke, voller Piraten und anderen Gefahren. Seit mittlerweile fünf Jahren kommandierte er die Suspirare und noch nie musste er einen Feuerbefehl geben. Ein oder zweimal musste er ein gewagtes Manöver fliegen lassen, um ein paar Raumpiraten auszuweichen, aber einen offenen Kampf? Niemals wollte er das riskieren. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, würden die Gefechtskanzeln wahrscheinlich verrosten, wenn es auf der einen Seite nicht Franks gäbe, der besessen davon war, die Verteidigung aufrecht zu erhalten, auf der anderen Seite das Protokoll, das eine regelmäßige Wartung erforderte. Und jetzt kamen noch weitere Waffen dazu. Schon die Installation von zwei zusätzlichen Gefechtskanzeln hatte er kritisiert. Aber die Reederei wollte den Kunden eben ein Gefühl der Sicherheit geben. Wir haben mehr Waffen als die Vorschrift es verlangt, bei uns reisen Sie sicher! Nichts als Unsinn und das wusste Magnus, aber was sollte er machen? Solange die Reeder das Geld besaßen, musste er sich fügen. Und Material und Arbeitskräfte dazu verschwenden, neue Waffen zu installieren.
Er überlegte lange, seine Bedenken bezüglich der Waffen zu notieren, doch er schloss den Beitrag auf seinem Bildschirm und stand auf. Es hatte keinen Sinn. Wahrscheinlich würde er demnächst noch viel zu teure und aufwändige Torpedorampen installieren lassen müssen, weil die Herren Reeder das wollten. Alles für den Schein von Sicherheit. Kaum eine seiner Leute hatte viel Kampferfahrung. Eine Grundausbildung in der Bedienung der Kanzeln und alle 3 Jahre ein Seminar, mehr kannten die meisten nicht. Wahrscheinlich wäre es bei einem gut geplanten Angriff besser, zu kapitulieren. Was Magnus auch immer wieder in Briefings mit den Reedern betonte. Aber er war ja nur ein Kommandant.

Er verließ sein Büro auf die Brücke und setzte sich auf den Platz in der Mitte. Im Laufe der Zeit hatte er die Räume an seine Vorstellungen anpassen lassen. Bis auf die von ihm im Grunde nie besetzten taktischen Station, die sich direkt hinter seinem Stuhl befand, und einige unwichtige Sekundärstationen konnte er alles genau einsehen.

„Mr. Kilianson, Bericht?“, wandte er sich an den Piloten direkt vor ihm.
„Alles nach Plan. Wir fliegen mit Warp 2,2 in Richtung der Grenzstation, der Flug ist stabil. Im Grunde könnte der Computer das Fliegen übernehmen, Sir“, sagte Kilianson über die Schulter und lehnte sich zurück.
„Und bei Ihnen, Mr. McDoull?“
„Nichts auf den Sensoren, Sir, da ist nichts im Umkreis von 2 Lichtjahren außer ein paar umher treibenden Felsbrocken und ein paar Gaswolken, nichts interessantes“, antwortete der wachhabende Radartechniker.
„Und was gibt es neues im Funk, Mrs. Villiamson?“, fragte Magnus und wandte sich der Kommunikationskonsole links vor ihm zu. „Mrs. Villiamson?!“, fügte er etwas lauter wieder hinzu.
„Entschuldigen Sie, Sir, ich habe nur…“
„… wieder dem Intergalaktischen Radiokanal gehört?“, ergänzte Magnus und stand auf. „Wie oft habe ich Ihnen gesagt, dass Sie das auf Ihre Freizeit verschieben sollen?“
„Aber Sir, ich… es… es ist doch nichts auf den Funkfrequenzen, nur Rauschen, da habe ich gedacht…“
„Sie sollen die Frequenzen überwachen, nicht Radio hören. Und wenn sie dabei die ganze Zeit ein Rauschen hören, dann ist das eben so. Haben Sie mich verstanden?“
„Natürlich, Sir!“, sagte Villiamson und sah betreten auf ihre Konsole.
„Und?“
„Und?“, fragte Villiamson verwirrt.
„Irgendwas im Funk?“
„Nein, da ist nichts, ich sagte doch, nur Rauschen…“ Sie tippte an ihrer Konsole rum. „Warten Sie… Da ist was, eine verzerrte Nachricht! Ein… ein Notruf!“
„Worauf warten Sie noch? Lautstellen!“
„Aye!“
Hier ist Lt. Commander Fowler von der Grenzstation Kuiper Vier! Dies ist ein allgemeiner Notruf, wir werden angegriffen. An alle Schiffe der Kooperation! Wir werden angegriffen! Dies ist ein allgemeiner Notruf!“, hallte aus den Lautsprechern wieder. Kuiper Vier? Da sollten eigentlich die neuen Crewmitglieder an Bord kommen.
„Können Sie sie rufen, Villiamson?“
„Ich versuche es. Kanal ist offen.“
„Ich spricht Magnus Thalstrom, Kommandant der EPS Suspirare. Kuiper Vier, können Sie mich hören?“ Der Sichtschirm ging an und ein zerzaust aussehender Offizier kam ins Sichtfeld.
„Suspirare? Wir werden angegriffen! Wir wissen nicht, wie viele…“ Eine Explosion war im Hintergrund zu sehen. Der Offizier wandte sich ab und schaute an der Kamera vorbei. „Die sollen die Gefechtskanzeln besetzen und auf alles feuern, was sich bewegt! Feuer nach eigenem Ermessen!“ Er wandte sich wieder der Kamera zu. „Wir müssen die Station evakuieren, bitte leiten Sie die Nachricht an das Kommando der Raumflotte weiter, unsere Langstreckenkommunikation ist ausgefallen! Schicken Sie Hil…“ Eine erneute Explosion, dann wurde der Bildschirm schwarz.
„Die Verbindung ist tot, ich bekomme Sie nicht zurück.“
„Sir, was sollen wir tun?“, fragte Kilianson. „Kurs beibehalten?“
„Ja, vorerst, aber versuchen Sie unseren Anflug zu verschleiern. Wir haben immer noch mehr als 200 Passagiere an Bord, die dürfen wir nicht für eine Rettungsmission gefährden. Nutzen Sie alles, was feindliche Sensoren verwirren könnte“, sagte Magnus. „Ab sofort gilt Kondition Rot auf dem ganzen Schiff. Schicken sie mir den Inspektor, den Doc und den Chief in mein Büro. Mr. Kilianson, Sie haben die Brücke!“ Mit so etwas hatte er nicht gerechnet, es war noch nie vorgekommen in den zwanzig Jahren, die er nun durch das Weltall flog. Ein paar Überfälle auf langsame Frachter, vielleicht hier oder da mal ein unvorsichtiges Personenschiff, aber eine stark befestigte Raumstation der Regierung? Das konnte nur Ärger bedeuten. Gewaltigen Ärger. Und Magnus wollte solchen eigentlich immer vermeiden. Und jetzt stand er direkt davor und musste mit nur einer halben Besatzung einen Rettungsversuch starten. Seufzend ließ er sich in den Sessel fallen und wartete auf seine Abteilungsleiter. 

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