Leseprobe: Die Wölfe

Mannsweihe

In meinem Arm hielt ich mein Leben, und nähm’ es mit auf schwarzen Schwingen,
getrost, in deinem Arm zu ruhen, für alle Zeit (Paul Jaeger)

Seeberg, Republik Immergrün
21 Erntemond 431 z. Ä.

Er saß gemeinsam mit Emily auf einer Sonnen beschienenen Wiese. Zärtlich strich er über ihre Wangen. Ihre haselnussbraunen Augen glitzerten, ihr Gesicht blickte glücklich in seines. Er schloss sie in seine Arme, seine Lippen näherten sich den ihren…

 Ein Knall riss Aaron aus seinem Schlaf. Emily! Er schüttelte den Kopf, er hatte geträumt. Langsam setzte er sich auf.
“Aaron, aufstehen!“ Sein Vater stand bei ihm im Zimmer.
„Wasn los?“, fragte Aaron verschlafen.
„Deine Weihe! Los, wir müssen!“ Sein Vater lief hektisch hin und her. „Los, mach schon.“ Er packte Aaron am Arm und zog ihn aus dem Bett. Nur spärlich in eine Sackleinenhose gekleidet wurde Aaron nun von seinem Vater aus dem Haus geschleift. Sie wandten sich in Richtung Dorfmitte. Und plötzlich war sein Vater verschwunden.

Nun stand Aaron frierend und allein in der leeren Gasse. Wo sollte er hin?
„Da ist er, auf ihn!“ Der Ruf gellte durch die Straße. Sofort drehte Aaron sich um. Mehrere Gestalten mit Prügeln in der Hand liefen zwischen den Häusern auf ihn zu. Er versuchte, wieder ins Haus zu kommen, doch die Tür war von innen verriegelt. Verzweifelt klopfte er. Keiner öffnete. Warum? Er blickte wieder über die Schulter. Die Männer hatten ihn beinahe erreicht. Er rannte los. Vielleicht war das Wachhaus am Dorfplatz noch auf. Er bog in die Hauptstraße des Dorfes und blickte noch einmal über die Schulter. Die Prügler waren immer noch hinter ihm, holten bedrohlich auf. Er wandte sich wieder nach vorn. Und blieb abrupt stehen. Der Dorfplatz war voll mit Männern. Und Aaron stand direkt in ihrer Mitte. Er drehte sich um. Seine Verfolger hatten aufgeholt und schlossen nun den Kreis. Es war nur eine Falle gewesen. Eine Falle von Leuten, die er kannte: Seinen Nachbarn. Aber warum?
Aaron sah sich um, die Angst pulsierte in seinen Adern, durchdrang jede Faser in ihm. Er stand hier, in die Enge getrieben, allein auf einem Flecken Erde, umringt von seinen Nachbarn, deren Gesichter ihn bedrohlich anstarrten, unmenschlich flackernd in dem rötlichen Licht eines purpurnen Feuers neben ihm. Einem gehetztem Kaninchen gleich drehte er sich, schaute in noch mehr Grimassen. Worauf warteten diese Leute? Vor diesem Tag hatte man ihm nichts hiervon gesagt. Deine Mannsweihe wird toll, hatten sie ihm versprochen, wir feiern ein großes Fest. Und jetzt das hier. Er stellte sich etwas anderes unter einem Fest vor, als noch vor Sonnenaufgang aus dem Bett gezogen und auf den Dorfplatz gejagt zu werden. Und dabei hatte sein Vater ihm, als Aaron gestern mit einem triumphalen Lächeln auf den Lippen und einem riesigem Eber auf dem Rücken zurück ins Dorf kam, glücklich offenbart, dass er nun bereit für die Weihe war. Er fühlte sich betrogen. Statt eines Festes bekam er nun eine… eine Strafe? Aber wenn, wofür? Oder war das vielleicht seine Weihe? Aber von so einer Prozedur hatte ihm nie einer erzählt. Seine Panik stieg noch weiter, wuchs an wie ein sich schnell ausbreitender Pilz, fraß sich durch seine Gedanken. Was sollte er hier? War es eine Prüfung, musste er kämpfen? Die Ungewissheit verstärkte seine Angst nur noch.
Aaron sank auf die Knie. Er schloss die Augen und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Er wollte, dass sie alle gingen. Vielleicht würde ihm dann die Prüfung, worin auch immer sie bestand, leichter fallen. Er wollte nicht hier, vor allen, die er kannte, vor jenen, die er liebte, versagen und sterben. Er wollte schreien, er wollte weinen, beten, um sich treten, irgendwie seiner Angst Ausdruck verleihen. Seiner Panik Luft verschaffen. Er durfte nicht versagen, nicht weil es ihn, das wusste er, sein Leben kosten konnte. Genau wie seinen Onkel bei dessen Weihe. Sondern weil er seiner Familie diese erneute Schmach ersparen wollte. Er sah das Gesicht seines Vaters vor sich, voller Stolz und Glück, als er wusste, dass sein Sohn zum Mann werden würde, dass sein Sohn nun bereit war. Aber war Aaron es wirklich? Er fühlte sich schwach, alleine auf dem sandigem Boden hockend und vor Angst zitternd. Ihm kam es vor, als wäre er sein ganzes Leben lang nur gerannt und nun rannte er geradewegs auf eine riesige Schlucht zu. Aber versagen durfte er nicht. Notfalls, so dachte er, musste er springen. Es gab Dinge, für die es sich lohnt, ein Risiko einzugehen. Emilys Gesicht tauchte vor seinen Augen auf. Aaron musste lächeln. Für sie würde er springen.

„Aaron, Lennards Sohn“ Eine Stimme holte ihn aus seinen Gedanken. „Bist du bereit?“ Wie hätte er denn bereit sein können? Bereit, sich einer unbekannten Prüfung zu stellen? Er wusste nicht, was kommen würde. Die ganze Angst, die Ungewissheit, all das kehrte schlagartig zurück. Das Gesicht vor seinem inneren Auge lächelte aufmunternd. Die Angst schwand. Ja, er musste notfalls springen. „Ja, Meister Coldwyn“. Aaron stand nun hocherhobenen Hauptes da. Das Gesicht grinste breit.
Coldwyn trat aus der Menge heraus und ging zwei Schritte auf Aaron zu, wobei sein Gewand über den sandigen Boden schleifte.
„Du bist also bereit, den nächsten Schritt zu wagen und die Bürden eines Mannes zu tragen?“, fragte ihn Coldwyn mit erhobener Stimme, dessen Gesicht in dem rötlichen Licht des Purpurfeuers noch zerfurchter und bedrohlicher aussah als jedes andere Gesicht auf diesem Platz. Wieder lächelte das Gesicht in Aarons Gedanken aufmunternd. „Ja, Meister Coldwyn“, antwortete er mit kräftiger Stimme. Auch der letzte Rest an Angst, den er noch in sich hatte, verflog langsam. Coldwyn ging auf Aaron zu und blieb kurz vor ihm stehen. Dann hob er beide Arme über den Kopf und verharrte in stiller Andacht. Alle warteten. Was würde als nächstes passieren, das konnte unmöglich alles sein, dachte Aaron im Geheimen. Doch was sollte da noch kommen? Die Angst schlich sich am Rand seines Bewusstseins zurück.
Plötzlich, ohne Vorwarnung, zuckte Coldwyns Hand nach unten auf Aarons Kopf, der sich bemühen musste, diesen nicht direkt wegzuziehen. Irgendetwas war anders. Er fühlte ein Kribbeln am ganzen Körper, irgendetwas nicht menschliches, etwas von fast schon tierischer Wildheit schien ihn genau zu untersuchen. Es fühlte sich angenehm an, diese Wildheit war ihm nicht fremd, fast als wäre es ein Teil seiner eigenen Natur. Es schien alles andere aus seinem Kopf zu verdrängen.
Mit einem weiteren Ruck stieß Coldwyns andere Hand nach unten und Aaron wurde schwarz vor Augen. Er versuchte die Augen zu öffnen, doch es blieb dunkel. Dann hellte es auf und Aaron bewegte sich, ohne dass er es selbst kontrollierte. Er marschierte. Er spürte das Gewicht einer Rüstung auf seinen Schultern, den hölzernen Schaft eines Speeres in der Hand. Er sah den Mann vor ihm, einen gesichtslosen Mann in Uniform. Aaron sah an sich herunter. Auch er trug eine Uniform.
Wieder wurde ihm schwarz vor Augen und im nächsten Moment stand er auf einem kargen Feld. Er hatte eine Hacke in der Hand und versuchte, das Feld auf die Aussaat vorzubereiten. Der Boden war trocken und Aaron spürte die Last der Arbeit auf seinen Schultern. Sein Rücken schmerzte bei jeder Bewegung, doch er musste es tun, seiner Familie zu liebe. Er sah wieder dieses Gesicht vor sich, wie es ihm zulächelte. Aaron lächelte zurück. Er wusste, er musste Verantwortung übernehmen. Manch ein Junge wäre über diese Erkenntnis vielleicht verzweifelt, das er sie so plötzlich übernehmen musste, doch Aaron wusste, dass es sich lohnt, diese Bürde zu tragen. Ihr Gesicht lächelte.
Er schlug die Augen auf. Vor ihm stand Coldwyn, die Hände auf Aarons Kopf gelegt und das Gesicht in Konzentration verzerrt. Er blickte ihm direkt in die Augen. Coldwyn nahm seine Hände von seinem Kopf und das Kribbeln verschwand.
„Erhebe dich, Aaron, Lennards Sohn, als Mann und vollwertiges Mitglied der Gesellschaft!“ Das purpurne Feuer erlosch. Die ganze Szene sah mit einem Mal viel weniger bedrohlich auf. Stimmen erhoben sich. Die Zeremonie war offiziell beendet.
Hände packten und zogen ihn aus der Mitte, wo sich nun zwei Musiker mit Laute und Flöte aufstellten, an einen hastig gebauten Tresen. Mit sanfter Gewalt wurde er auf einen Stuhl gehievt. Sie zogen ihn an einen hastig gebauten Tresen und hievten ihn mit sanfter Gewalt auf einen Stuhl.
„Komm, darauf trinken wir einen!“ Ein großer, blonder Junge in Aarons Alter grinste ihn an. „Ragnild, mach ma eben zwei Met!“, wandte sich dieser zum Wirt.
„Geht klar, Bjarne.“
Bjarne drehte sich zu Aaron um. „Nun, auch endlich hinter dir, was? Wurd auch Zeit. Wie lang hätte ich denn sonst noch meine Tavernenabende ohne meinen besten Freund verbringen sollen?“ Er grinste. Auch Aaron musste lachen.
„Du weißt genauso gut wie ich, das wir schon seit knapp einem Jahr immer mal wieder die Nacht dort durchgezecht haben. Nur müssen wir jetzt nicht mehr extra darauf achten, nicht von den Alten erwischt zu werden, nicht wahr, Ragnild?“ Aaron grinste in Richtung des Mannes hinter der Theke, der gerade mehrere Krüge Met auffüllte. Ragnild schaute betreten zu Boden. Er wusste, dass er die Beiden eigentlich nie in die Taverne hätte lassen dürfen. Und doch hatten sie ihn immer wieder dazu überredet.
Bjarne senkte seine Stimme. „Und, was hast du nun vor?“
„Das weißt du ganz genau, Bjarne, ich hab es dir doch erklärt.“ Aaron blickte ihn streng an. Er wollte nicht noch einmal darüber diskutieren.
„Ja, aber… ist es nicht noch zu früh dafür?“
„Nein, Bjarne!“, sagte Aaron bestimmt. „Das Haus ist fertig und gehört seit heute mir, ich hab mein halbes Erbe bereits dafür ausgegeben und geh bei Joen in die Lehre. Ich bin schon lange bereit dafür.“ Bjarne schüttelte den Kopf. Seiner Meinung nach war es noch zu früh für solche Schritte, das wusste Aaron.
„Hier, Jungs“ Ragnild schob zwei Krüge Met über den Tisch.
„Danke, Ragnild“, sagte Bjarne und blickte ihn kurz an. „Na dann“ Er sah Aaron an. „Auf dein Wohl!“, rief er und hob den Krug. Die anderen Männer stimmten mit ein. Bjarne nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Krug und Aaron tat es ihm nach. Der Met schmeckte süß und rann Aaron wohltuend die Kehle herunter. Nach der ganzen Aufregung konnte er den Alkohol gut gebrauchen.
„Und wann willst du es tun?“ Bjarne war wieder in einen leisen Flüsterton verfallen.
„Heute“
„Heute?!“ Bjarne schaute ungläubig. „Das ganze Dorf ist hier versammelt, du wirst mit jedem hier einen trinken müssen, bevor sie dich gehen lassen!“
„Du musst sie einfach ablenken.“ Bjarne schaute noch ungläubiger.
„Und wie bitte schön soll ich das tun?“
„Feuer.“, sagte Aaron schlicht. Bjarne schaute ihn jetzt entsetzt an.
„Ich zünd doch nicht das Dorf an.“ Aaron beachtete ihn nicht. Wohl wissend, dass Bjarne ihn falsch verstanden hatte, beachtete Aaron seinen Freund nicht weiter und bestellte eine Flasche Rum.
„Hör mal, das mach ich nicht, dafür würden die mich hängen!“
„Sollst du auch gar nicht.“ Aaron schob ihm die Rumflasche herüber. „Mach einfach deine Feuernummer.“
„Was?! Die hab ich doch seit Jahren nicht mehr gemacht.“
„Dann wird’s langsam mal wieder Zeit.“ Bjarne schaute erst Aaron und dann die Flasche an, bevor er um sich blickte.
„Na gut…“, begann er zögerlich, „Ich mach’s“ Er schnappte sich eine Kerze, nahm die Flasche und kletterte auf einen Tisch direkt neben dem Tresen. „Hey, alle mal herschauen!“ Einige Köpfe wandten sich ihm zu. Er nahm einen Schluck Rum, hob die Kerze und spuckte den Alkohol über die Flamme.Sofort stieg eine große Feuersäule empor. Jetzt wandten sich ihm immer mehr Köpfe zu. Bjarne stieß noch eine Flammesäule in die Luft.
Aaron witterte seine Chance. Alle beobachteten den Feuerspucker. Er stand auf, drehte sich um und lief geradewegs auf eine kleine Gasse zu, die noch immer im Halbdunkel lag. Ein letzter Blick. Bjarne hatte die Aufmerksamkeit der Leute noch nicht verloren und schickte gerade die nächsten Flammen in den Himmel. Die „Ohs“ und „Ahs“ der Zuschauer begleiteten sie.Im nächsten Moment verschwand Aaron im Zwielicht der Gasse. Er schlich noch eine kurze Zeit, richtete sich auf und schlenderte mit einem Lied auf den Lippen an Holzfässer und abgestellten Kutschenrädern vorbei.
Er hörte unregelmäßiges Getrappel, dann wirr durcheinander plappernde Kinderstimmen. Langsam glitt er in den Schatten eines besonders großen Fasses. Kurze Zeit später rannten die Kleinen an ihm vorbei in Richtung Festplatz. Jetzt, nachdem die Zeremonie vorbei war, durften auch sie zum Fest.
Aaron wartete noch einen Moment, dann ging er weiter. Er begegnete niemandem, bis er zu dem Haus in der Mitte der Gasse kam. Auch hier, wie im Rest der Gasse, war niemand zu Hause. Doch das störte Aaron nicht. Er setzte sich auf einen Stoß Bretter neben der Tür. Es roch nach Leim und frischem Holz. Aaron liebte diesen Geruch.Immer wieder drang Festlärm an sein Ohr, offenbar hatten sie über den Alkohol seine Abwesenheit vergessen. Oder jeder dachte, dass Aaron am jeweils anderen Ende des Platzes war. Aaron musste lachen. Er fand die Vorstellung, das ganze Dorf getäuscht zu haben, witzig. Er hörte, wie der nächste Trinkspruch auf sein Wohl herausposaunt wurde. Mehrere Stimmen antworteten. Die Musiker spielten gerade ein besonders schnelles Lied. Aaron stellte sich vor, wie jetzt mehrere Paare dazu einen schnellen Tanz auf dem Dorfplatz hinlegten. Aaron wünschte, er könnte mittanzen. Doch vorher musste er noch etwas erledigen. Die wahrscheinlich wichtigste Sache seines Lebens.
Wieder hörte er Stimmen und Aaron glitt von dem Bretterstapel in den Schatten zwischen den Häusern. Wieder wollte er nicht entdeckt werden, schon gar nicht von betrunkenen Männern, die ihn sofort wieder zurückschleppen würden.
Er hörte Stimmen. Doch nicht etwa, wie er es erwartet hatte, die lallenden Stimmen von Volltrunkenen, sondern zwei Stimmen, in ein ernsthaftes Gespräch vertieft.
„…ich verstehe nicht, wieso er nicht auf dem Fest war.“, sagte die besorgte Stimme eines Mädchen, eine Stimme, die Aaron nur allzu gut kannte.
„Aber er war doch auf dem Fest, mit diesem blonden Jungen, die haben zusammen was getrunken.“, antwortete eine tiefe Männerstimme.
„Mit Bjarne. Aber wieso war er nicht da, als ich auf das Fest kam?“
„Vielleicht hast du ihn nur nicht gesehen?“, versuchte ihr Vater Aarons Verschwinden zu erklären.
„Aber ich hab ihn doch überall gesucht!“, erwiderte das Mädchen aufgebracht. Aaron musste grinsen. Er fand es süß, wenn sie sich so aufregte.
„Vielleicht hat er sich versteckt?“, fuhr ihr Vater fort. „Aaron? Mein Aaron würde sich nicht vor mir verstecken!“ Aaron konnte die beiden jetzt sehen.
„Und wenn doch?“ Aaron trat aus dem Schatten. Die Beiden schnellten herum.
„Aaron!“, stieß das Mädchen hervor und rannte auf ihn zu, wobei ihr langes, hellblaues Kleid um ihre Knöchel flatterte. Sie fiel ihm stürmisch in die Arme. Dann löste sie die Umarmung und baute sich einen halben Meter vor ihm auf.
„Aaron, Lennards Sohn, wo warst du?“ Sie hatte ihre Hände auf die Hüften gelegt und schaute Aaron in gespielter Anklage an. Aaron grinste. Sie trat näher und Aaron schaute direkt in ihre haselnussbraunen Augen. Langsam schlossen sich ihre Arme um seinen Körper und auch Aaron schlang seine um den ihren. Sie kam ihm immer näher, er konnte mittlerweile jedes Detail ihres Gesichtes erkennen, sah jede Wimper einzeln. Er fuhr mit der Hand durch ihr rotes Haar. Sie duftete nach frischem Holz. Gerade deswegen liebte er diesen Geruch.
„Weißt du eigentlich, wie süß du bist?“, fragte er leise. Sie lächelte. Ihre Gesichter kamen sich näher. Er wollte sie berühren, er wollte sie küssen. Dann schaute er kurz auf. Ihr Vater stand hinter ihr und beobachtete die ganze Szene ausdruckslos. Sofort löste sich Aaron aus der Umarmung, auch wenn sich alles in ihm dagegen sträubte.
as Mädchen schaute ihn vorwurfsvoll, beinahe wütend ob der ihr entgangenen Zärtlichkeit an.
„Nicht jetzt, dein Vater.“, erinnerte er sie leise. Ihr Ausdruck wurde starr. Sie drehte sich um, warf ihrem Vater ein unsicheres Lächeln zu und wandte sich dann wieder Aaron zu. Scham und Schuld standen nun in ihrem Gesicht.
Ich ihr Vater bedachte Aaron mit einem langen Blick. Aaron konnte nicht sagen, was er dachte. Weder Freude noch Wut lagen auf seinem Gesicht. Aber er wusste, dass es sich nicht gehörte, wenn Männer (Aaron musste sich erst an den Gedanken gewöhnen, das er jetzt auch ein Mann war)  in der Öffentlichkeit mit Frauen Zärtlichkeiten austauschten, mit denen sie nicht verlobt oder verheiratet waren. Er wusste, dass auch wenn die Initiative von seiner Tochter ausgegangen war, ihr Vater ihn öffentlich bestraft hätte, wenn noch jemand in der Gasse gewesen wäre. So blieb es Aaron nur zu hoffen, das er die Beziehung der Beiden guthieß.
„Lasst uns erst einmal reingehen“, sagte ihr Vater nach einer Weile und brach damit das peinliche Schweigen. Er öffnete die Tür und die drei traten nacheinander in die Werkstatt ein. Hier roch es noch stärker nach Holz und Leim, Späne knirschten unter ihren Füßen und ihr Vater ging an der riesigen Werkbank vorbei und schloss eine Tür dahinter auf. Sie stiegen eine hölzerne Treppe auf und traten in einen geräumigen Wohnraum ein.
„Setzen“, sagte der Schreiner und deutete auf einen großen Tisch mit mehreren Stühlen. Die beiden Liebenden gehorchten sofort.
Aaron war aufgeregt. Zum einen erwartete er eine Strafe von ihrem Vater wegen des Verhaltens auf der Straße. Er erwartete zu hören, dass er die Ehre des Mannes befleckt hatte, seine Tochter zum Lustobjekt degradiert hatte. Zum anderen war da noch der eigentliche Grund seines Kommens. Er würde gleich die wichtigsten Worte seines ganzen bisherigen Lebens sprechen, er würde die alles entscheidende Frage stellen. Er blickte noch einmal Emily an. Ihr Bauch schien sich bereits leicht zu wölben. Er musste es jetzt tun, bevor jemand etwas merkt. Noch einmal schluckte er. Dann erhob er sich, er musste es jetzt tun, bevor der Schreiner ihn bestrafte.
„Magnus“, begann er. „Magnus, ich bin hier, um dich etwas zu fragen.“ Magnus Blick fixierte ihn. Aaron fragte sich, ob er ahnte, was Aaron wollte. Aaron sank auf die Knie. „Magnus Thorsteins Sohn, ich bin hier, um dich um die Hand deiner Tochter Emily zu bitten.“ Emily blickte auf. Sie sah leicht überrascht aus, aber auch erfreut, vor allem aber erleichtert. Magnus dagegen blickte nur wissend.
Dies war ein altes Ritual, das seit Jahrhunderten im Dorf so durchgeführt wurde und das Aaron nun begonnen hatte.
„Dann frage ich dich, Aaron, Lennards Sohn, arbeitest du und kannst meine Tochter versorgen?“, setzte Magnus das Ritual fort.
„Ja, ich bin der Lehrling des Schmiedes“, antwortete Aaron. „Kannst du meiner Tochter ein Heim und einen Herd bieten?“ „Ja, ich baue ihr ein Haus und pflanze einen Baum“. Auch das war eine alte Formel, die so seit Generationen festgelegt war. Aaron atmete auf, wenigstens hatte Magnus das Ritual fortgesetzt und ihn nicht direkt abgewiesen.
„Und wirst du in ihrem Namen und ihrem Willen für sie urteilen?“
„Ja, das werde ich. Ich gebe dir mein Wort als Mann und Schwiegersohn.“, schloss Aaron das Ritual und verneigte sich vor Magnus. Er wartete gespannt. Jetzt lag alles in Magnus Hand, er konnte entscheiden, ob er Aaron abwies oder nicht. Aaron hätte es verstehen können, wenn er ihn ablehnt. Er hatte seine Lehre noch nicht beendet, war noch Gehilfe. Sein Haus war noch nicht ganz fertig, auch wenn Aaron nur auf diesen Tag hingearbeitet hatte. Und er war noch jung. Jünger als eventuelle andere Bittsteller. Er schaute Magnus an. Dessen Gesicht war ausdruckslos, er blickte abwechselnd von der hoffnungsvoll blickenden Emily zu dem unsicheren Aaron.
„Sag mir, wieso sollte ich dir meine Tochter anvertrauen?“ Aaron blickte auf. Das hatte er nicht erwartet.
„Weil ich sie liebe“, antwortete er und blickte zu Emily hinüber, die nicht minder perplex war.
Wieder betrachtete Magnus ihn. „Aber ist Liebe Grund genug, damit du dich um sie kümmerst?“
„Vater!“ Emily war aufgestanden.
„Sei still, Emily!“, fuhr Magnus ihr dazwischen. „Antworte mir, Jüngling!“
„Du weißt genau so gut wie ich, dass ich immer für sie da wäre!“ Aaron war zornig.
„Ich glaube nicht. Wieso sollte ich dich anderen Bittstellern vorziehen? Weil du sie liebst?“ Magnus lachte falsch. „Es gibt bessere als dich. Also, ich gebe dir noch eine Chance: Wieso sollte ich dir meine Tochter geben?“
Aaron funkelte ihn an. Das war nicht fair! Noch einmal blickte er zu Emily. Sie saß mit tränendem Gesicht auf ihrem Stuhl und fuhr sich geistesabwesend mit der Hand über den Bauch. Aaron musste Magnus dazu bewegen, ihm seine Erlaubnis zu geben.
„Ich kann dir nur wieder antworten: Keiner wird sich besser um sie kümmern als ich, weil ich sie liebe.“ Aaron hatte sich mittlerweile erhoben und blickte Magnus direkt in die Augen.
„Dann werde ich dich ablehnen müssen“ Magnus wandte sich ab. Emily schluchzte jetzt hemmungslos. Aaron sah ihr ihre Verzweiflung an. Sobald ihr Geheimnis gelüftet wird, würde sie zur Verstoßenen.
„Magnus, ich habe noch einen Grund für dich“ Aaron vergaß jetzt alle Vorsicht. Der Schreiner drehte sich noch einmal zu ihm herum und funkelte ihn an.
„Weil ich jeden anderen Ehemann düpieren kann, indem ich sage: Ich bin der Vater!“ Magnus Gesicht nahm plötzlich eine dunkelrote Farbe an. Er blickte von Aaron zu Emily, die ihre Hand nicht schnell genug von ihrem Bauch lösen konnte.
“Du… Du… Kleiner, mieser Hundesohn, du hast meine kleine Tochter geschwängert?! Du Schwein!“ Magnus unterstrich das letzte Wort mit einem Schlag in Aarons Gesicht. Dieser taumelte, sein Kopf drohte zu zerbersten. An der Kommode fing er seinen Sturz ab.
„Genau, sie erwartet ein Kind von mir!“ Aaron blickte Magnus direkt in die Augen. Dies war der Abgrund und er hatte keine Angst, zu springen. Er fiel bereits. Emily blickte entsetzt. So hatte sie es ihrem Vater nicht sagen wollen, da war Aaron sich sicher. Aber er selbst sah keine andere Möglichkeit mehr.
Magnus schnaubte wie ein wütendes Nashorn. Er packte den Bittsteller am Kragen und warf ihn aus der Zimmertür zurück auf den Treppenansatz. Das Geländer fing Aarons Sturz ab. Zitternd zog er sich an der Balustrade hoch. Sein Rücken schmerzte höllisch.
„Aaron!“, hörte er hinter sich die entsetzte Stimme Emilys. Blitzschnell drehte er sich um. Der Schreiner hatte ein Messer ergriffen.
„Emily, sei ruhig. Um deinen Makel wird sich Coldwyn nachher schon kümmern. Jetzt schlachte ich erstmal dieses Schwein!“, brüllte ihr Vater über seine Schulter und rannte auf Aaron zu.
Jetzt wurde es höchste Zeit für einen Plan, dachte dieser noch, während Magnus während des Laufens schon mit dem Messer zum entscheidenden Schlag ausholte. Im letzten Moment rollte Aaron sich aus der Bahn und der Tischler prallte mit voller Wucht gegen das Geländer und stach ins Leere. Einen kurzen Moment sah er Aaron noch zornig an, dann gab das Geländer nach. Mit einem fürchterlichen Krachen stürzte der Schreiner zusammen mit seiner Balustrade in seine Werkstatt.

Kapitel 1 des Romans „Die Wölfe- Das Schwert Immergrüns“
(c) Sebastian Peter Wiedemeier 2010
Advertisements